The b–AGE-ritz : >SILLY CONES & STOLEN SOCIALISM<
Letzter Teil der Ausstellungstrilogie (1988/89 – 1999 – 2009)
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Ralph Bageritz, in Berlin und Köln arbeitender Konzeptkünstler, thematisierte bereits im Jahr 1988, ein Jahr vor
Grenzöffnung, das gesellschaftliche Nachkriegs-Phänomen >DDR<. Noch zur Zeit des real existierenden
Sozialismus unternimmt er als subkultureller Westkünstler auf der Suche nach Identität, den eigenen deutschdeutschen
Wurzeln „Die Reise nach Bageritz…“ (einem Ort im DDR-Bezirk Halle), „…mit Abstecher nach
Baselitz“, um genau zu sein Deutschbaselitz im Bezirk Dresden, in Reflexion über Kunst und den ost/westdeutschen
Maler Georg Baselitz. Bageritz betreibt somit Ahnenforschung, verbindet auf seiner Reise in die DDR
individuelle, private Ebenen mit politisch-gesellschaftlichen. Die umfangreichen tagebuchartigen
Photoaufnahmen die während dieser Zeit entstehen, in weiteren Arbeitsprozessen collagiert und übermalt, vergrößert
und verfremdet, sind längst zu einzigartigen zeitgeschichtlichen Dokumenten geworden. Am 10.
November 1989, einen Tag nach Grenzöffnung, stellt Bageritz seine Werke erstmals auf der Kunstmesse ART
Cologne aus (Förderkoje für junge Künstler, Galerie Maximilian Krips) und erlangt schlagartig internationalen
Erfolg.
(s.a. Katalog >Bageritz – 11 Jahre Ehrenstrasse & Umgebung<, Hrsg. Kölnisches Stadtmuseum, 1995)
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>Broken German – Bitte selbst aufwischen!< lautet provokant der zweite Teil des Ausstellungszyklus den Ralph
Bageritz 1999 in der Galerie Lichtblick, Gesellschaft für photographische Kunst, fortsetzt. Deutsch-deutsche
Befindlichkeiten, sozialer und kultureller Art (10 Jahre danach!) sind auch zu dieser Zeit immer noch Thema der
Medien im wiedervereinigten Deutschland. Bageritz nimmt dies zum Anlaß, alle bisher über sein gesamtkünstlerisches
Werk erschienenen Publikationen, von Szene-Magazinberichten über Rezensionen in
Kunstmagazinen, bis hin zu Auszügen einer Doktorarbeit, neu bewertet zu ordnen. Kernsätze unterschiedlichster
Autorenschaft werden herausgefiltert und als Textfragmente in das Gesamtbild montiert. Silikon-
Endlosschleifen und transparentes Plexiglas sowie verschiedenfarbige Textstreifen überlagern nun sowohl
Bageritz` DDR-Photographien der `88er als auch nach der Wende entstandenes Photomaterial (Live-Shot-
Museum Bageritz: Zone Bageritz! Tag & Nacht geöffnet! Eintritt frei! Photographieren erlaubt!). Das Resultat ist
ein vom Künstler neu gestalteter Autorendiskurs in dem scheinbar selbstreferenziell Informationen über
Bageritz-Kunst auf Bildinhalte treffen (das verschwindende System DDR als Museum der Auflösung), diese
betiteln, hinterfragen und zur ästhetischen, formalen und inhaltlichen Diskussion frei geben.
(s.a. Katalog >Gegen den Strich – Sammlung Heinrich Miess<, Museum Ludwig, Köln 2000)
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Anläßlich der 8.Wuppertaler Museumsnacht zeigt The b-AGE-ritz, so eines seiner Pseudonyme, nun den
letzten Teil seiner DDR-Trilogie in der HBT ART GALLERY– Galerie für zeitgenössische Kunst. Mit dem
Ausstellungstitel >Silly Cones & Stolen Socialism< verbindet Bageritz als selbstironisches Wortspiel sein vorrangig
verwendetes Mal- und Gestaltungsmaterial Silikon (Silly Cones = alberne Zapfen) mit dem konkreten
Statement >Stolen Socialism<. Bageritz greift auch hier sein künstlerisches Gesamtthema auf, die >Metaphysik
des Verschwindens< : das für immer verloren gegangene Staatsgebilde der DDR, verbunden mit dem nicht mehr
existierenden >gestohlenen Sozialismus<. Bageritz nimmt aktuell ästhetisch Stellung zum deutschen
Bundestagswahlkampf 2009, zeigt auf Großplakaten Bundeskanzlerin Angela Merkel mit zum Himmel
gerichtetem Blick, direkt dem Ausstellungstitel zugewandt, nicht diffamierend, aber dennoch faktisch erstarrt, ratund
hilflos, ohnmächtig anmutend. Andere Politikerpotraits, Protagonisten der Vor- und Nach- Wendezeit
werden großformatig in Bageritz-typischer Malweise silikon-pointilistisch >überlagert<. Ebenso bezieht Bageritz
Briefmarken der gesamten DDR-Ära autobiographisch mit ein, denn schon in früher Kindheit sammelte er diese
farbenfrohen Zeitbilder, die so gegensätzlich waren zur grauen Tristess des DDR-Alltags. Bageritz läßt sie heute
als Bilddokument und Relikt einer untergegangenen utopischen Welt fungieren, verfremdet sie zu
Malereimontagen (Silikon, Acrylfarben auf MDF), den sogenannten >DDR-surrealism-DAYS<.
Das Miniaturbild dient bis heute dem jeweiligen Staat als Werbeträger für Prosperität, für kulturelle und
politische Errungenschaften, für Leistungen in Wissenschaft und Sport, etc. sowie für freundschaftliche
Partnerlandbeziehungen zu ideologisch Gleichgesinnten. Das von Bageritz überdimensional vergrößerte Portrait
des jungen Mao Tse-tung, übertitelt mit dem Original-Schriftzug „Deutsch-Chinesische-Freundschaft“ läßt weit
über DDR-Zeiten hinweg eine positivistische, völkerverbindende Orientierung anklingen. Und auch die aktuellen
>China-Bilder<, die Bageritz bewußt in sein Ausstellungskonzept integriert, vermitteln diese Aufbruchshaltung
zur freien Kommunikation, die zu erneuter Überprüfung festgelegter Wertvorstellungen führt, nicht nur im
ästhetischen Bereich.
© Ritzpop Berlin 2009
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